Auswärtsstark (23)

In unregelmäßgen Abständen berichten die Schreiberlinge des FohlenKommandO über ihre Groundhopper-Erlebnisse aus anderen Ligen, anderen Ländern. Heute: SC Fortuna Köln - U23 Alemannia Aachen, NRW-Liga, 18.09.2009, 650 Zuschauer, Südstadion.
En d’r Südstadt jeit et Leech (fast) aus...
«Fröher», dieses Früher, das scheint mittlerweile mehr als eine kleine Ewigkeit her zu sein, bei genauer Betrachtung ist es etwas über neun Jahre her das ich zum ersten Mal den Weg ins Südstadion fand. 32. Spieltag, 18.05.2000, ein lauer Donnerstagabend, Stehplatz Mitte, 15,- DM, Borussias erste Zweitligasaison; Gladbach mußte damals gewinnen, um noch eine theoretische Restchance auf den direkten Wiederaufstieg zu wahren und dem FC zurück ins Oberhaus zu folgen, Fortuna war bereits so gut wie abgestiegen. Damals siegten die Fohlen vor rappelvollem Haus mit 2:1, Nielsen und Klinkert trafen für Gladbach, der Ex-Borusse Mac Younga zum zwischenzeitlichen Ausgleich für die Fortuna, damals noch trainiert vom legendären Krankl, Hans. In den Folgejahren habe ich mich ehrlich gesagt eher mal ins Südstadion verirrt, um zu sehen was los ist. Sonntagnachmittag, schönes Wetter, man fährt zufällig am Südstadion vorbei, es wird gerade gespielt, schaut man halt mal rein. So oder so ähnlich. Es war nett, hatte immer Charme und wenn man als Mönchengladbacher mit Wohnsitz in Köln hier schon zum Fußball gehen will, dann bleibt ja nur noch das Südstadion. Sympathisant der Fortuna zu sein ist nicht nur unverfänglich, es scheint ja geradezu heilige Pflicht, die Konkurrenz, das ewige und kleine Pendant zum großen FC ein wenig zu unterstützen.
In der Südstadt jeit et Leech an...
Ein spätsommerlich warmer Freitagabend, blue hour, Flutlicht, schönere Fußballatmosphäre geht eigentlich nicht. Der Stadionsprecher begrüßt die 650 Fans zum Heimspiel gegen die 2. Mannschaft von Alemannia Aachen in der «Anti-Arena» Südstadion. Ein netter Seitenhieb, allerdings ist nicht so ganz klar ob er das ernst meint oder nicht. Jedem Fußballtraditionalisten, wie wir es beim FohlenKommandO nun mal sind, muß im Südstadion vor lauter Freude über das alte Stadion das Herz in der Brust hüpfen. (Ob das die alteingesessenen Fans nach all den Jahren noch genauso sehen, wer weiß, aber die Verantwortlichen schätzen diesen typischen Charme vergangener Jahre mit Sicherheit nicht als ausgemachte Goldgrube.) Mir soll’s aber egal sein. Hier halten noch Stahlzäune vor den Stehplatzblöcken die Fans von der Tartanbahn fern, überdacht ist nur die Tribüne, es gibt natürlich eine Anzeigentafel statt Screen oder Würfelgedöns, die Minilautsprecher plärren und scheppern schön knarzig, kurzum: es gibt noch all die schönen Dinge, die sonst überall radikal den großkopferten Sanierungs- und Erneuerungsplänen zum Opfer fallen. Alles eben notgedrungen old-school.
Auch auf den Rängen wird die Stimmung nun etwas aggressiver. Die Dauerbrüller von der Tribüne lassen ihrem angesammelten Frust über das Ergebnis nun freien Lauf («2. Halbzeit, sind wir nicht mehr hier!»), auch wenn sie das wahrscheinlich nicht mal selber glauben. Den Glauben, das Spiel könne aus Kölner Sicht doch noch ein gutes Ende finden, schenkt den Schreihälsen mit den hochroten Köpfen kurz vor der Pause dann Cengiz Can mit seinem Anschlußtreffer in der 44. Minute, quasi mit dem Halbzeitpfiff, wieder zurück. Nach einem abgeblockten Schuß gelingt es ihm in einem wüsten Gestochere im Fünfmeterraum den Ball zu erwischen und an Torwart und Verteidiger vorbei ins Netz zu bugsieren. Dann ist Halbzeit und die gestaltet sich für Stehplatzfans der Fortuna durchaus angenehm. Im Südkurvenbereich wird, wohl durch das erfreuliche Engagement des Fanclubs S.C. Mülltonn, vor, während und nach dem Spiel auf turntables Musik aufgelegt die sich erfreulich deutlich vom sonst in deutschen Stadien üblichen Gedudel abhebt. An diesem Abend unter anderem Billy Bragg oder auch die neue Jan Delay-Single. Sehr schön! Wobei man in dieser Hinsicht auch der offiziellen Beschallung von der Westtribünenseite keinen Vorwurf machen kann.
Was ist da nur los? Während die Kölner alles nach vorne werfen, um endlich die Früchte ihrer Arbeit ernten zu können, werden sie im eigenen Stadion eiskalt ausgekontert. Und am Ende kommt auch wiederholt großes Pech hinzu. Kevin Kruth trifft wiederum nur den Pfosten. Dann ist Schluß und die Stimmung natürlich im Keller. Trainer Matthias Mink darf sich eine gellende Pfeif- und Brüllorgie anhören und als «Bundestrainer Mink» verhöhnen lassen. Ja, so isser, der gemeine Fan. Der Übungsleiter bleibt trotzdem relativ ruhig und sachlich. Auf der anschließenden Pressekonferenz, die wohl auch zur Beruhigung der aufgebrachten Fans vor der Tribüne stattfindet, analysiert er gerecht die Lage. Die Fortuna habe einfach zu viel und zu aufwendig gespielt, um am Ende die Nase vorn zu haben. Wären die Borussen am Vorabend des allzu grausamen Hoffenheim-Spiels als Zaungäste im Südstadion gewesen, Minks Worte hätten ihnen eine lehrreiche Warnung sein können.
In der Südstadt jeit et Leech aus... bis zum nächsten Spieltag
Am Ende darf festgehalten werden: Der Besuch im Südstadion hat sich trotz der Niederlage mal wieder gelohnt. Ein Flutlichtspiel, 90 emotionsgeladene Minuten Fußball, wenn auch nicht immer vom Feinsten, aber wenigstens kernig und ehrlich; eine treue und recht alternative Fanszene und ein Projekt, welches Lust auf mehr weckt. Wer keinen Bock auf sündhaft teure Tickets im Profibereich hat und Fußball fernab des ganzen nervigen Werbe-, völlig überflüssigen Merchandise- und gänzlich übertrapazierten Medienzinnober mal wieder von der ursprünglicheren Warte aus erleben will, der ist im Südstadion genau richtig aufgehoben. Zumindest noch. Wer darüber hinaus noch mitreden will, dem sei der DFC empfohlen. Natürlich wird auch hier die etablierte Marke Fortuna genutzt und beworben, werden Trikots, Schals- und Kaffeetassen verkauft, aber es hält sich alles im Rahmen und die schillernde, bunte Plastikwelt des Profifußballs ist eben noch mindestens eine weitere Liga entfernt. Das vielerorts zu beobachtende Verlangen nach ursprünglicher und authentischer Fußballkultur, nach Mitgestaltung und Selbstverwaltung, wird hier recht offenherzig gelebt. Und alle scheinen sich, auch wenn sie sich während der 90 Minuten mitunter schwarz geärgert haben, kurz darauf beim Bier schon wieder ganz gut amüsieren zu können. Ett hätt schließlich noch immer irgendwie jotjejange!
analysieren das Spiel vor der Tribüne
Selbst Klaus Ulonska kann kurz nach dem Spiel schon wieder ein wenig Lachen. Die von ihm beschworene letzte Chance war das wohl heute noch nicht, die Saison befindet sich schließlich noch im ersten Drittel. Es wird in den kommenden Wochen noch die ein oder andere letzte Chance geben. Ruhig Blut also: denn wenigstens im Ergreifen von letzten Chancen ist der SC Fortuna Köln schon immer ziemlich erstklassig gewesen.Bisher in dieser Reihe erschienen:
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