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Ende eines Dorfklubs

Südöstlich von Heidelberg liegt eine Gemeinde mit 3300 Einwohnern: Hoffenheim – heute Deutschlands berühmtestes Dorf. Der Siegeszug des bejubelten und beneideten Bundesligaaufsteigers an die Spitze der Bundesligatabelle fand in Deutschland und Europa sein Echo in einer beispiellosen Berichterstattung. Andreas Bock hat für das FohlenKommandO die Zeitungen sortiert.

Für Träume ist in Hoffenheim Dietmar Hopp zuständig. Der 68-jährige Milliardär, der 1972 bekanntermaßen die Software-Firma „Systemanalyse und Programmentwicklung“ (SAP) gründete, verwandelte mit Hilfe seiner Millionen und glücklichen Personalentscheidungen innerhalb von knapp 20 Jahren einen grauen südwestdeutschen Kreisligisten in die Top-Mannschaft der Bundesliga-Hinrunde 08/09. „Eine Traumfabrik, die am Reißbrett“ entsteht titelte die FAZ am 5. August, erwartungsfreudig kurz vor Saisonstart. „Geboten werden soll eine gute, vielleicht bessere Alternative zum Establishment – zu beweisen gilt, dass sich Erfolg, Gefühle und Sehnsüchte im Fußball planen lassen.“ Hopp wusste wohl, dass sein Projekt auch auf Ablehnung stoßen würde und versuchte, der Kritik an seinem Mäzenentum zu entgegenzutreten. „Ich bin kein Abramowitsch“, betonte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 20. Mai. „Das ganze Gerede von Traditionen verstehe ich nicht. Sehr viele Traditionsvereine sind längst verschwunden.“

Zunächst stand weniger Hopp als vielmehr der Erfolg und die Spielweise des Aufsteigers im Zentrum des medialen Interesses. Vor allem zu Kaiserlautern, das als bislang einziger Aufsteiger 1998 Meister geworden war, wurden Parallelen gezogen. Die Welt fragte sich am 20. Oktober deshalb, wie lange Trainer Rangnick die Möglichkeit des Titelgewinns noch negieren könne. „Wenn seine Stürmer weiter so gut treffen wie zuletzt, wird Rangnick um eine neue Zielvorgabe kaum herumkommen.“ Die Bescheidenheit in der Mannschaft könnte weiter bröckeln, so das Blatt. Und The Times fasste unter dem Titel “German Bundesliga ‘circus’ is no joke” zusammen: „At the moment, 1899 Hoffenheim are entertaining crowds ... and being admired not just for their pluck but their style.” Die Rheinische Post zog am 20. Oktober dann auch den unvermeidlichen Vergleich: “Mit rasantem, von hoher technischer Virtuosität geprägtem Kombinationsspiel und Toren wie aus dem Bilderbuch erinnert der forsche Aufsteiger aus dem Kraichgau an die allerschönsten Jahre der Borussia, die mitreißende Ära der ‚Fohlen’ aus den Siebzigern.“

„Nobody parties like 1899“

Maßgeblichen Anteil an der besten Trefferquote der Bundesliga seit 1988 habe der “forsche Aufsteiger Hoffenheim”, bemerkte das Luxemburger Wort am 11. November bei einem Blick über die Grenze. Nach dem 11. Spieltag war dann schließlich auch Fußball-Scharfrichter Paul Breitner „verliebt in Hoffenheim“, wie Bild meldete. „Starke Mannschaft, extrem schnell, fantastisch, unglaublich, erste Sahne“, fasste der Chef-Dampfplauderer zusammen. Und: „Man muss zur Kenntnis nehmen was hier passiert. Und man muss es auch respektieren.“ Das tat die Sportschau, indem sie Hoffenheim nach Bayern zeigte, für Bild ein klarer „Machtwechsel“. Auch Altmeister Basler prognostizierte in derselben Zeitung, die sich intensiv mit dem „Hoffenheim-Wahnsinn“ beschäftigte: „Ja, die Schale ist drin, von Platz 1 bis 6 ist alles möglich.“ Und auch Lichtgestalt Beckenbauer erteilte Lob: „Jeder nimmt sie ernst – und zwar sehr.“

Auch auf der Insel blieb der Erfolg der jungen Mannschaft (im Schnitt unter 23 Jahren) nicht unbemerkt. „Best football played, establishment unnerved. … This season nobody parties like 1899,” kommentierte die britische Tageszeitung The Guardian begeistert. Der Blog Spreeblick meinte am 21. November, dass Deutschland mit der Geisteshaltung des Hoffenheim- und Bayernfans, die zum Typus Erfolgsfan gehörten zwei Weltkriege verloren habe, und beantwortet die Frage, ob Hoffenheim denn nun ein Märchen sei: „Ein bisschen: Die Märchen, die man sich früher über brasilianische Straßenfußballer erzählt hat. Die sich aus der dunkeln Gosse, aus dem Nichts ins Rampenlicht spielen. Mit dem Unterschied, dass Hoffenheim keine herausragenden Gaben, sondern einen Mäzen gefunden hat: reicht auch. Und dicke.“

Hopp im Fadenkreuz

Finanziell bedingter Erfolg führt nämlich zu Neid. So verschärften sich die Anfeindungen von Fans gegnerischer Mannschaften gegenüber Mäzen Hopp. Trainer Rangnick hatt sich bereits nach dem Auftakt-Sieg über Cottbus über die Berichterstattung der Lausitzer Rundschau empört, die die finanziellen Ungleichheiten der beiden Vereine angeprangert hatte. Die britische Tageszeitung The Times schrieb am 2. November: „Hopp has faced venomous chants from opposition fans to the point where he has asked clubs to guarantee his safety.“ Den Saisonhöhepunkt erreichten die Schmähungen schließlich als beim 4:1 Sieg gegen Borussia Dortmund Anhänger der Gäste ein Transparent mit der Aufschrift „Hasta la vista, Hopp“ und seinem mit Fadenkreuz versehenen Konterfei von der Tribüne hielten. „Bei Aufrufen zu Mord ist das Maß voll.“ Dies seien keine Dummejungenstreiche mehr, sondern Verbrechen, beschwerte sich Hopp im Kicker-Interview am 24. September, schloss aber seinen Rückzug wegen der anhaltenden Attacken kategorisch aus.

Mitunter habe sich der Klub und seine Vertreter durch solche Aussagen aber selbst in die Schlagzeilen gebracht, meinte Spiegel Online am 30. September. In dem Kicker-Interview habe Hopp den Eindruck erweckt, „als habe ein Verein das moralische Recht, jeden Fan, dessen Benehmen einem nicht passt aus dem Stadion zu werfen, so das Online-Portal. Der DFB hatte Hopp gar zugesichert, dass „massive Pöbeleien oder Bedrohungen gegen ihn unnachgiebig verfolgt“ würden.

Hoffenheim statt Offenheit

Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt kritisierte in seinem Kommentar über die „Lex Hopp und Schmähungen im Fußballstadion“ vom 24. September die bevorzugte Behandlung des Mäzens scharf. „Fußballplätze sind keine rechtsfreien Räume. Aber im Stadion stehen Folklore und Verunglimpfung dicht beieinander. Dazwischen drängelt sich oft auch Ironie, etwa wenn Schalker Fans die Schmähungen ihrer Gegner aufnehmen und selber singen: ‚Wir sind die Ruhrpottkanacken’. Es geht beim Fußball anders zu als beim Federball; Provokationen, Emotionen, Aggressionen gehören dazu, bringen Leben ins Stadion.“

Maroldt bezahlte seine Analyse der Lex Hopp mit einem „Bannstrahl“ für seine Hauptstadtzeitung: Anfragen dieser Zeitung würden nicht mehr berücksichtigt, hieß es aus Hoffenheim. Es sei der „fatale Eindruck entstanden, dass nur den Medien eine Berichterstattung ermöglicht wird, die ausschließlich positiv über den Verein schreiben, fasste Spiegel Online zusammen. FohlenKommandO beleuchtete die Hopp-Problematik gewohnt sachlich und wunderte sich unter anderem darüber, dass sich Hopp über Aussagen wie "da kommt der Milliardär mit seiner zusammengekauften Truppe" so gekränkt geben könne.

Dagegen befand Die Welt am 29. September nach einem grandiosen Spiel Hoffenheims gegen Bremen, das Hoffenheim knapp mit 4:5 verlor: „Es wird höchste Zeit, dass wir alle schreien, im Interesse des packenden Fußballs. Denn diese Anti-Hopp-Hasstiraden passen nicht zu der ungebremsten Charmeoffensive, mit der die stürmende Rasselbande die Bundesliga nicht nur verwöhnt, sondern auch erheblich verbessert.“

Ruhmreich gegen Neureich

Die Gesamtchoreographie der Bundesliga-Hinrunde machte es möglich, dass das Gastspiel der Hoffenheimer in München zu einer Art Finalspiel um die Herbstmeisterschaft geriet. Ein Freitagabendspiel, nur exklusiv im Bezahlfernsehen zu genießen, weshalb die Kneipen so voll waren wie sonst nur bei Champions League Endspielen oder Fünf-Sterne-Partien. Rangnick hatte aggressiv den „Skalp“ der Bayern gefordert und legte nach: „Flotte Sprüche gibt´s in München, flotten Fußball gibt´s bei uns.“ Bild fragte vor dem „geilsten Gipfel aller Zeiten: Macht Hoffenheim die Bayern zu Dorftrotteln?“ Von „Umwertung aller Werte“ sprach Markus Hesselmann am 4. Dezember im Tagesspiegel kurz vor dem Spiel „ruhmreich“ gegen „neureich“. Früher hätte man sich auf den Papst, den US-Präsidenten, den DFB-Chef und den Bayern-Manager als Verantwortlich für alles Böse auf Erden einigen können. „Und jetzt: Totale Verunsicherung. Muss ich jetzt nicht eigentlich für Bayern sein,“ fragte sich Hesselmann verunsichert und beschloss: „Hoffenheim ist Chelsea auf deutsch-provinziell. ... Hoeneß und seine Münchener Kollegen verkörpern den gewachsenen gesunden Fußball-Mittelstand. Ich jedenfalls bin am Freitag für Bayern!“

Nach Schlusspfiff, waren sich die Medien einig, dass man das beste Saisonspiel gesehen habe. „Neuer deutscher Fußball“ schwärmte die FAZ über die Partie, die München in letzter Minute noch für sich entschieden hatte (2:1). „To Bayern the spoils, to Hoffenheim the plaudits in a David v. Goliath classic” schrieb The Guardian. “No Bundesliga game has been fraught with more meaning in living memory. Geld schieße eben doch Tore schlaumeirte Die Welt in ihrem Rückrundenfazit am 14. Dezember.

Träume brauchen jedoch mehr als nur Geld. Denn während der Winterpause verlor das Dorf fast seinen kompletten Wundersturm verletzungsbedingt. Nach dem ersten Spiel, der Rückrunde, das Hoffenheim mit 2:0 gegen Kellerkind Cottbus eher mühevoll gewann, schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Rangnick weiß, dass neben aller Qualität der Spieler auch die Eigendynamik des Erfolgs, der 'Flow', eine Rolle spielt.“ Ob wieder der Strom des ersten Halbjahres entstehen könne hänge auch davon ab, „ob sich die Spieler nicht von anderen Angeboten anderer Klubs die Köpfe verdrehen lassen.“

Ob Hoffenheim sich tatsächlich als neue Macht im deutschen Fußball etablieren kann, bleibt abzuwarten. Ibisevic wird erst einmal kein neuer Müller, Rangnick erst einmal keinen Skalp mehr fordern. Der Traum ist vorerst vorbei oder wie es Spreeblick ausdrückte: „Der Bundesliga-Fußball hat Hertha BSC überlebt und Wolfsburg, er wird auch Hoffenheim überleben.“

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