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Die Träne im Knopfloch – Zeit für die Rosen

Sehr verehrte Freunde des spochtverbundenen Vergnügens,

nun ist eingetreten, was viele Interessierte, sogar der Betroffene selbst, wenn auch vielleicht nicht zu diesem Zeitpunkt, seit einigen Tagen erwartet haben. Hans Meyer ist in Nürnberg entlassen worden und damit, zumindest in den Augen der meisten Beobachter, zum wiederholten Male beruflich im bundesdeutschen Profifußball gescheitert. Aus Sicht der Nürnberger Verantwortlichen, denen der alte Affe Angst im bloßen Existenzkampf im Nacken sitzt, mag es sich um eine nachvollziehbare Entscheidung handeln. Möglicherweise ist der Rauswurf Meyers aber auch lediglich als bedauerliche Kurzschlußhandlung zu beurteilen, deren tatsächliche Tragweite beim FCN erst in den kommenden Wochen und Monaten des Abstiegskampfes zu Tage treten wird. Vielleicht kommt es auch ganz anders, wer weiß das schon. Was immer es auch sei, mir als Außenstehender steht es nicht wirklich zu, die Gründe der Demission hinlänglich zu kommentieren.

Mich beschäftigen im Zusammenhang mit Meyers Entlassung andere Gedanken. Ich ärgere mich zum wiederholten Male über die Reflexhaftigkeit einer stereotypen Nachbetrachtung. Meyer - der große Zyniker, Meyer - der abgehobene Satiriker, Meyer – der Trainerkauz mit Selbstdarstellungszwang, dem im Nachhinein sowohl fehlendes Taktgefühl, alsauch die dazugehörige gebotene Ernsthaftigkeit, gerade in diesen schweren Zeiten, bei seiner Berufsausübung vorgeworfen wird, was ihn deswegen, früher oder später, überall, in Gladbach und auch in Berlin, letztendlich zum Scheitern verurteilt habe. In meinen Augen greifen diese vielfach gelesenen Beschreibungen zu kurz und verkennen oftmals fahrlässig die wirklichen Umstände. Ich glaube, faktisch ist Hans Meyer auch in Nürnberg nicht unbedingt an sich selbst, sondern, wie eben so viele Trainer anderorts auch, vor allen Dingen an der scheinbar unerklärlichen Beliebig- und Überheblichkeit seines Personals, einer falschen Erwartungshaltung und mit Sicherheit auch an Pech und vielen Zufällen gescheitert. Besonders traurig stimmt mich die Tatsache, weil m.M. nach auf viele Trainertypen in der Bundesliga getrost verzichtet werden kann, auf Hans Meyer als Typen und Trainer aber eben nur äußerst ungern.

Spätestens seit seiner Amtsperiode in Mönchengladbach war Meyer plötzlich in aller Munde und wer sich auch nur ansatzweise mit Fußball beschäftigte erkannte schnell: wer diesen Meyer kauft, der bekommt auch genau diesen Meyer, mit allem was dazugehört. An diesem Gedanken konnte man schnell Gefallen finden. (Ob Präsidenten, Manager und Spieler in der Bundesliga hernach tatsächlich immer bereit für Hans Meyer in seiner gesamten Tragweite gewesen sind, möchte ich nicht uneingeschränkt bejahen) Einen augenzwinkernden Trainer einzustellen, der einerseits z.B. in der Öffentlichkeit kundtat, einem gewissen Spieler X in diesem Leben das Fußballspielen nicht mehr beibringen zu können, andererseits aber eben auch einen hüftkranken Trainer in Reichweite des gesetzlichen Rentenalters ans Ruder zu lassen, der auf dem Trainingsplatz, abseits der amüsierten Fernsehöffentlichkeit, auf allen Vieren den Rasen bekniete, um mit beiden Händen an Knöchel und Fuß derjenigen Gescholtenen ihnen, den meist gestandenen und erfahrenen Fußballprofis, nach Jahren, und vielleicht zum ersten Mal in der Karriere, die richtige Fußstellung beim Torabschluß zu vermitteln, war und ist eine außergewöhnliche Geschichte. In Mönchengladbach zumindest kann sich noch so mancher an die tatsächlichen Auswirkungen des akribischen Arbeitens des ehrgeizigen Generals Meyer erinnern.

Es war stets Meyer, der das schwach ausgeprägte Verantwortungsbewußtsein gegenüber Arbeitgeber und den Fans, die fehlende soziale Kompetenz und die Wertschätzung des ausgeübten Berufs einer Spielergeneration bemängelte, die er tagtäglich bei seinen Clubs vor Höhenflug und Selbstüberschätzung, vor ihren Beratern und jovialen Pressevertretern warnen mußte. Ein Trainer, der seine Mannschaft im wortwörtlichen Sinne des Sports zuvorderst spielen sehen wollte, der aber auch gleichzeitig um das Risiko des verfrühten Erfolgs wußte und dies auch unverblümt sagte. Man mag ihm seine Saisonprognose des Sommers nachträglich als Selbstschutz auslegen, steckte doch auch mit Sicherheit eine gute Portion Kalkül dahinter. Meyer ist aber eben auch lang genug im Geschäft, um die unmittelbaren Folgen des Pokalsiegs und die Doppelbelastung durch den UEFA-Cup realistisch eingeschätzt zu haben. Nur wer wollte das hören? Die gebotene Rückendeckung für seine Vorstellungen hat er von der breiten Öffentlichkeit selten bekommen. Von der Presse noch sehr viel seltener. Im besten Fall hat man mit ihm gerne bei Pressekonferenzen und Interviews gelacht und sich seiner Sprüche bedient, im Schlimmsten wurden ihm anschließend seine Vita und seine unverkennbare Art zum Vorwurf gemacht. Daß Hans Meyer, dessen analytischer Scharfsinn, gepaart mit außerordentlicher Schlagfertigkeit, hintergründigem Witz und in der Branche angenehm seltener Selbstironie, im Falle des Erfolgs von der versammelten Fachpresse stets bejubelt wurde, um hernach von derselben Journaille im Augenblick des Scheiterns lediglich als ein in Wahrheit ausgemachter Zyniker dargestellt zu werden, dessen Fähigkeiten nicht (mehr) ausreichen, um eine Mannschaft dauerhaft erfolgreich zu führen, ist vielerorts eine traurige Zustandsbeschreibung der Zunft einerseits und des grassierenden Zeitgeistes selbst andererseits.

Meyers konsequente Nichtbeachtung des Boulevard und seine gerne stilisierte Verweigerungshaltung gegenüber branchenüblichen Gepflogenheiten und Normen treffen ihn nun plötzlich wieder hinterrücks, wie ein einstmals geschleuderter und auf seiner Flugbahn schon wieder in Vergessenheit geratener Bumerang, ins Genick. Wahrscheinlich muß das so sein, weil es eben immer so ist. Es wird erwartet, gelesen und unkommentiert und unreflektiert goutiert. Andererseits, und das wäre fast ebenso aufregend unerhört und unerwartet, etwa so wie Meyers damalige Antrittspressekonferenz in Mönchengladbach, wäre ein großes, einstimmiges Lied der Klage über den scheidenden Trainer Meyer, eben weil er so ist wie er ist. Man wird davon allerdings nicht viel, bzw. nur in wenigen ausgesuchten Quellen, zu lesen bekommen, weil in Wahrheit wohl nur wenige Journalisten den «großen Zyniker Meyer» vermissen werden. Einen Trainer, der, wenn sie schon täglich gefordert und gebraucht wurden, die Schlagzeilen lieber gleich selbst diktierte und dumme Fragesteller zur Strafe vor versammelter Kollegenschar ihre Unzulänglichkeiten und Fehlinterpretationen des Spiels wissen ließ. Wie man in den Wald hereinruft, so schallt es einem bekanntlich auch wieder entgegen. Kakophonie inbegriffen.

Hans Meyer, der langjährige Trainerprofi, wird sehr wahrscheinlich gut damit leben können. Er wird, so bestätigt auch seine Voraussicht der vergangenen Woche, immer gewusst haben, worauf er sich einläßt. Mit ARO Teppichen und einer Abfindung im Gepäck geht der Kommunist Meyer mal wieder in Rente. Nicht schlimm, mag er denken, der Trainer an und für sich ist, auch diese Erkenntnis verdanken wir Meyer, sowieso völlig überbewertet. Ich für meinen Teil muß gestehen: mir fällt es dennoch, mal wieder, recht schwer, diese Tatsache als solche einsehen zu wollen.

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