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Schöne neue Stadionwelt

Liebe Interessierte,

es war der 13. Mai 2006 und der letzte Bundesligaspieltag stand auf dem Programm. Borussia musste noch einmal in Frankfurt antreten, für beide Mannschaften ging es um nichts mehr. Vielleicht trug dies dazu bei, dass Borussia doch noch einen Auswärtssieg landen konnte. Man weiss es nicht. Jedenfalls verließ ich in bester Laune gegen 17:30 Uhr das schmucke neue Stadion der Eintracht, das einst Waldstadion hieß und nun den Namen einer in Frankfurt ansässigen Großbank trägt.
Zweieinhalb Stunden zuvor war meine Laune dagegen auf einem Tiefpunkt angelangt. Oder, um es besser und treffender zu formulieren: Der Choleriker in mir stand kurz vor der Explosion.
Es gehört mancherorts zu den Eigenarten der neuen, schmucken Fußballtempeln in Deutschland, die im Zuge der WM gebaut wurden, dass dort Bargeld als Zahlungsmittel seinen Wert verliert. Dort, wo die Stadien nicht mehr Stadien heißen, sondern Arenen, übernimmt teilweise eine Chipkarte, die (per EC-Karte) mit virtuellem Geld aufgeladen wird, die Funktion des Bargeldes. Zumindest in Frankfurt ist dies so. Auch in Gelsenkirchen wird dies seit geraumer Zeit praktiziert. Einziger, aber entscheidender Unterschied: auf Schalke funktioniert dieses Prinzip.
Glücklicherweise drückte mir mein Freund Dirk aus Frankfurt seine Chipkarte vor dem Spiel mit den Hinweis in die Hand, es befänden sich noch einige Euros an Wert auf der Karte. Im Nachhinein möchte ich mir lieber nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ich mir auch noch eine Karte hätte besorgen müssen...
Eine halbe Stunde vor Spielbeginn fanden wir uns zu Viert rechtzeitig in der Arena ein. Zeit genug also, meinen Durst zu stillen und schnell noch Dirks Guthaben in eine Cola umzusetzen. Glücklicherweise befanden sich in unmittelbarer Nähe zahlreiche Getränkestände. Davor standen allerdings Menschenmassen, als hätte es Äppelwoi gratis gegeben. Dem war nicht so, wie sich herausstellen sollte. Obwohl ich von Natur aus nicht gerade zur Geduld neige, reihte ich mich ein. Der Durst siegte. Es war 15:06 Uhr. Als ich an der Reihe war und mich schon massiv über die Arbeitsmoral des bedienenden Personals geärgert hatte, war es 15:13 Uhr. Egal, schnell eine Cola und dann nichts wie rein. Pustekuchen! Der Bedienstete erklärte mir, die Karte sei nicht lesbar. Vergeblich wartete ich auf eine Erklärung, Zusatz oder sonstige Anweisung, was nun zu tun sei. Stattdessen blickte ich in ein gleichgültiges Gesicht. Die Menschenmasse hinter mir schien ihn nicht zu beeindrucken.
Ich unterbrach die gleichgültige Stille: "Das ist schlecht, da war noch Guthaben drauf."
"Da kann man nichts maschen", wurde mir geantwortet.
"Egal"; sagte ich ungeduldig, "ich kann auch bar bezahlen".
"Das geht hier nicht"
"Wo denn dann?"
"Nirgendwo"
"Und was soll ich jetzt machen? Ich will doch einfach nur etwas trinken."
Erst jetzt kam etwas in Gang, was man schon zwei Minuten zuvor erwartet hätte. Zaghaft erkundigte sich der Jüngling bei einer Dame, die trotz des Andrangs teilnahmslos an der Seite stand. Die Leute hinter begannen zu murren. Wir hatten mittelweile 15:16 Uhr.
"Ja, also, da müssen Sie ein Stockwerk höher. Zum Schalter G.4.44"
Pause.
"Ja und was ist da?" Mein Ärger begann sich in Zorn zu verwandeln.
"Ach so. Da können Sie die Karte umtauschen."
Na herrlich, das hätten wir auch schneller haben können.
Am besagten Schalter angekommen befand sich lediglich eine weitere Getränkeausgabe. Nach dem obligatorischen Anstehen tat ich mein Anliegen kund. Die nun weibliche Bedienung erklärte mir verwundert, dass die Karte gar nicht defekt sei, sondern lediglich nicht über Guthaben verfüge. Aufladen könne ich sie dort jedoch nicht, dafür müsse ich einen Schalter weiter. Der Anpfiff rückte näher, es war jetzt 15:20 Uhr. Und das alles für ein Glas Cola.
Einen Schalter weiter musste ich wieder anstehen. Ich zückte fünf Euro. "Tut mir leid, die Karte ist nicht lesbar." Ich unterdrückte einen Tobsuchtsanfall. Gottseidank funktionierte die Auffassungsgabe meines Gegenbübers schneller als die des Bediensteten am ersten Schalter. "Da müssen Sie zum Schalter G 4.44. Da können sie Karte umtauschen."
"Da komme ich gerade her. Dort wurde mir gesagt, sie sei einfach nur leer."
"Oh, na dann müssen Sie zu Schalter G 4.40. Da können Sie sich besschweren."
Beschweren, gute Idee. Dazu hatte ich allerhand Grund. Allmählich wähnte ich mich nicht beim Fußball, sondern als Hauptfigur in einem Kafka-Roman oder zumindest als Opfer eines Schildbürger-Streichs.
Am Schalter G 4.40 war die Schlange noch größer und die Leute vor mir diskutierten lebhaft mit der bemitleidenswerten Dame vor Ort. Es bestand kaum eine Chance auf eine schnelle Regelung des Sachverhaltes. Ich blickte auf die Uhr, wir hatten 15:27 Uhr. Ich wollte doch einfach nur ein Cola trinken!
In der schönen neuen Stadionwelt des 21. Jahrhunderts reicht ein voller Geldbeutel und der bekundete Wille an einer Verkaufsstelle für Getränke noch lange nicht aus, auch tatsächlich seinen Wunsch erfüllt zu bekommen. Man lernt auch mit 27 Jahren nie aus. Das Handy klingelte, es war der Freund meines Vaters. "Wo bist du? Ist was passiert? Du wolltest doch nur was zu trinken holen."
"Stimmt. Irgendwas stimmt aber nicht mit der Karte. Hab jetzt aber keinen Bock, das zu erklären."
"Komm runter. Ich komm mit meiner Karte raus."
Seine Karte funktionierte und innerhalb von zwei Minuten hatten wir die Getränke. Ich habe dann übrigens Bier getrunken. Prost Mahlzeit!
Auf meinem Platz war ich übrigens drei Minuten nach Anstoss. Eine halbe Stunde für ein Getränk. Schöner neuer Stadionwelt sei Dank.

Eine Woche später war ich dann wieder in den Niederungen des Amateurfußballs. Preußen Münster gegen Wuppertaler SV. Abstiegskampf in der Regionalliga Nord. Hier heisst das Stadion noch Stadion (der Einfachheit halber: Stadion an der Hammer Straße), auf der Tribüne wird auch ständig gebrüllt und geflucht, die Zuschauer stehen die meiste Zeit auf ihren Bänken und für eine Wurst und ein Bier braucht man nichts anderes als Bargeld.
Dafür spielen die Preußen nächstes Jahr aber auch nur noch Oberliga. Die Frage ist: Was wollen wir auf Dauer lieber?

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