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Florenz und die Folgen

Liebe Interessierte,

das Echo auf das katastrophale Auftreten der Nationalmannschaft in Florenz war enorm und folgerichtig. Denn die 1:4-Klatsche gegen "WM-Geheimfavorit Italien" (O-Ton Reinhold Beckmann) war desaströs und beängstigend. Soweit ist sich Fußball-Deutschland anscheinend einig.
Insoferen waren die Reaktionen vorhersehbar. Genauso unvermeidbar waren auch die Wortmeldungen der üblichen Populisten Breitner, Lattek und ihresgleichen. Geschenkt!
Nachdem sich der Sturm der Entrüstung fürs erste gelegt zu haben scheint, ist es an der Zeit, mit etwas Abstand die Dinge zu betrachten. Denn so blamabel die Niederlage auch war, überraschend war sie keineswegs.
Als Hauptproblem der Bundeself wurde die Abwehr ausgemacht. Diese Problematik ist bereits seit geraumer Zeit bekannt, durch die Wörns-Affäre noch einmal in aller Munde, aber nur teilweise richtig.
Wer sich das Spiel angeschaut hat, hat auch gesehen, dass die gesamte Mannschaft ein Totalausfall war. Katastrophale Fehler im Spielaufbau (hier fiel vor allem Sebastian Deisler mehrfach auf) ließen die Abwehr wie ein Hühnerhaufen aussehen und die fast schon provokative Lustlosigkeit von Deislers Mitstreitern im Mitteldfeld sorgte auch für ein hilfloses Rumstolpern der Stürmer Podolski und Klose, später auch Asamoah.
Jetzt den eingeschlagenen Kurs von Jürgen Klinsmann und Jogi Löw in Frage zu stellen, wäre aber völlig falsch, das Fordern nach erfahrenen Spielern wie Jens Nowotny, Christian Wörns oder Didi Hamann ist sogar absurd, auf weitere Planspiele möchte ich an dieser Stelle gar nicht erst eingehen. Ich denke, dass ich keine Mindermeinung vertrete, wenn ich mich froh darüber zeige, genannte Alibifußballer nicht mehr in der Nationalmannschaft sehen zu müssen. Mir ist es lieber, mit dieser jungen Perspektivmannschaft gegen Italien unter zu gehen, als mit denjenigen, auf die jetzt einige hoffen, gegen Rumänien. Die Leute vergessen eben leider zu schnell und der Boulevard sowieso.
Fakt ist doch, dass die jetzige Mannschaft durchaus Perspektive hat. Nowotny, Wörns und Konsorten haben diese nicht und erscheinen wie Relikte aus der Fußballsteinzeit, geprägt von Trainerikonen wie Erich Ribbeck.
Das Abwehrproblem hat vielmehr zwei Gründe: Die Situation der Akteure in ihren Vereinen (dies gilt jedoch für alle Mannschaftsteile, s.o.) und die fußballerische Ausbildung in Deutschland in den letzten Jahrzehnten.
Auf den ersten Punkt bezogen, bedeutet dies, dass Arne Friedrich zwar erste Wahl für die Besetzung des rechten Außenverteidigers ist, aber durch die Situation bei Hertha BSC nicht gerade mit Selbstbewußtsein ausgestattet ist. Hier wäre Patrick Owomoyela eine Alternative. Zwar verkörpert er nicht gerade internationale Spitzenklasse, spielt jedoch mit Werder Bremen auf überdurchschnittlichem Niveau. Andreas Hinkel spielt gerade erst wieder beim VfB Stuttgart. Es bleibt abzuwarten, ob er seine frühere Leistungsstärke wieder erreicht.
In der Innenverteidigung ist Per Mertesacker derzeit richtigerweise erste Wahl, war aber zuletzt verletzt und ist daher noch lange nicht in Topform. Auch ist es ein Problem, dass er bei Hannover 96 und damit nicht dauerhaft auf Top-Niveau spielt. Die Situation von Roberth Huth ist bekannt und muss an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden. Selbstverständlich kann man fragen, warum Christoph Metzelder nicht von Anfang an gespielt hat, aber dies macht er in seinem Verein momentan auch nicht und mit ihm hätte es wohl auch nicht besser ausgesehen, wenn man den Spielverlauf betrachtet. Eine Alternative könnte hier anstatt von Christian Wörns eher Frank Fahrenhorst sein, der neuerdings bei Werder Bremen wieder regelmäßig aufläuft und dabei endlich auch konstant gut spielt. Auf der Linksaußen-Position spielte Philip Lahm, bei Bayern München längst noch keine Stammkraft und auch noch lange nicht überzeugend. Einzige Alternative ist hier Marcell Jansen, auch wenn er zuletzt bei Borussia im Mittelfeld auflief, aber immerhin seit über einem Jahr dort unumstritten ist.
Wer aufgrund dieser Situation von der Abwehrform überrascht war, hat eine weltfremde Sicht der Dinge. Und wer nach Christian Wörns ruft, der sollte wissen, dass die Situation dadurch nicht besser, sondern wohl eher schlimmer würde. Der Kapitän der BvB verkörpert nämlich jenen Manndecker, der in der antiquierten Nachwuchsausbildung der letzten Jahrzehnts in Deutschland am Fließband ausgebildet wurde: nicht als moderner Innenverteidiger einer Viererkette, sondern als Vorstopper, der seinem Gegenspieler nicht von der Seite weicht. Vom benötigten Innenverteidiger gibt es leider hierzulande (noch) zu wenige, da sie im Gegensatz zu anderen Ländern erst seit wenigen Jahren in der Jugendarbeit geschult werden. Von den jüngeren Spielergeneration spielen die Besten bereits in der Nationalmannschaft. Auch wenn dies auf Weltniveau manchmal nicht ausreicht: es gibt keine Besseren.
Daher müssen wir uns wohl mit der schmerzlichen Ist-Situation abfinden und auf bessere Zeiten, nachfolgende, taktisch besser geschulte Spielergenerationen und die nach der diesjährigen WM folgenden Großturniere hoffen. Die WM kommt anscheinend zu früh, der eingeschlagende Weg ist dennoch richtig. Egal, ob mit Jürgen Klinsmann oder ohne. Lothar Matthäus muss ja nicht gerade sein Nachfolger werden. Und Christian Wörns sollte er schon gar nicht im Schlepptau haben.

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